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Warntag

Selbstverständlich habe ich Angst. Wer in diesen Zeiten keinerlei Angst verspürt ist nach meiner Einschätzung entweder ein Dummkopf oder ein Lügner oder ein Buddha. Ich bin davon nichts und deshalb habe ich Angst. Ich denke, das ist ganz normal, bedeutet aber in diesen Zeiten doch etwas anderes als beispielsweise vor einem Jahr. Ich kann mich nicht daran erinnern, im letzten Sommer eine besonders ausgeprägte Angst verspürt zu haben. Ich hatte wohl die eine oder andere Sorge, aber seit einigen Jahren bin ich ziemlich weit durch eine persönliche Entwicklung gegangen, die Befürchtungen vor allem Möglichen und Unmöglichen weit in den Hintergrund treten lässt. So habe ich heute keine große Angst mehr vor Armut, Krankheit oder Tod. Wenn es so weit sein sollte, mag sich das vermutlich nochmal anders darstellen, aber derartige Ängste sind mir inzwischen weitgehend abhandengekommen. Das hat etwas mit Gelassenheit zu tun, mit Lebenserfahrung und Alter aber auch mit einem bewussten Leben und der Erkenntnis, dass durch die Annahme der Realität oder dessen, was ich dafür halte, das Leben einfacher wird. Die Dinge sind so wie sie sind und ich darf diese Dinge so oder so bewerten. Wenn ich mich dafür entscheide, zuversichtlich und vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken, stellt das die erste kleine Veränderung dar. Das ist leichter gesagt als getan, aber es ist wirksam. Und auch die weiteste Reise beginnt bekanntlich mit dem ersten kleinen Schritt.

 

Angst - oder doch eher eine ausgeprägte Sorge - habe ich davor, dass viele Menschen in unseren Gesellschaften nicht mehr zu wissen scheinen, wie schnell eine eben noch alltägliche Selbstverständlichkeit dahin ist. Wie fragil der Firnis unserer Zivilisationen im Grunde ist, wie dünn er über Totalitarismus, Autokratie oder Diktatur liegt und dabei nur auf den ersten Blick imstande ist, eine stabile Demokratie vorzutäuschen. Wie zerbrechlich unser Humanismus angelegt ist und nur unter bestimmten Bedingungen dazu in der Lage, Kriege und Bürgerkriege zu verhindern. Wie flüchtig Errungenschaften der gesellschaftlichen Entwicklungen wie soziale Absicherung und Rechtssicherheit im Grunde sind. All diese so selbstverständlich erscheinenden Vorzüge eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates, all diese Annehmlichkeiten einer Wohlstandgesellschaft, all diese scheinbar schon immer dagewesenen Vorteile unserer Gesellschaften sind unglaublich leicht dahin. Das sehen wir gerade, wenn wir ganz genau hinsehen, das kann man um uns herum überall live und in Farbe beobachten, das flimmert ständig über die Nachrichtenkanäle. Aber das ist ja alles weit weg. Bei uns wird es derartige Entwicklungen ja niemals geben. Nach 75 Jahren Frieden, Sicherheit und Wohlstand für fast alle scheinen wir nicht mehr wahrzunehmen, dass es Arbeit bedeutet, für Sicherheit zu sorgen. Dass es mühsam ist, Rechte und Pflichten in der Balance zu halten. Dass es anstrengend sein kann, die Freiheit zu bewahren. Dass wir etwas dafür leisten müssen. Dass es schmerzhaft sein kann, scheinbare oder tatsächliche Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten unserer Systeme im Interesse einer funktionsfähigen Gesellschaftsordnung auszuhalten.

 

Mir scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass unsere Gesellschaften auf einem Weg sind, dass sie sich in der Entwicklung befinden und dass sowohl die finanziellen als auch die sozialen Ressourcen nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Dass wir abzuwägen haben, wie wir die begrenzten Mittel generieren und einsetzen wollen. Welche Ziele und Prioritäten wir formulieren. Wie wir geeignete Kompromisse finden zum Ausgleich der unterschiedlichen Interessen und Wünsche. Mir scheint der Eindruck entstanden zu sein, man müsse nur klare Ansagen darüber machen, wie unsere Gesellschaft zu sein habe und dann würde dieser Wunschzustand von gleich auf jetzt entstehen. Mir kommt es so vor, als wenn viele Menschen glauben, dass wir bei "Wünsch dir was" sind hinsichtlich der finanziellen Möglichkeiten. So als ob wir einen Dukatenesel im Stall hätten und eine fleißige Kolonne von Helferlein, die alle Wünsche über Nacht in die Tat umsetzen. So ist das aber im wahren Leben nicht und deshalb habe ich Angst, dass die scheinbar selbstverständlichen Errungenschaften unserer Gesellschaften früher oder später auf den Altären von Traumtänzern geopfert werden müssen.

 

Draußen heulen die Sirenen und üben das Warnen. Ich habe Sorge, dass diese Sirenen nicht vor den tatsächlich bedeutenden Gefahren warnen...

 

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