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Reichweite

Wenn ich Nachrichten höre aus fernen Ländern, von Unfällen, Anschlägen, Kriegen oder anderen Katastrophen, frage ich mich manchmal, ob ich ein kaltherziger Mensch bin. Ich spüre dann manchmal, dass mich das Elend der Menschen am anderen Ende der Welt nicht berührt. Sofort habe ich dann ein schlechtes Gewissen. Wie kann ich nur so sein, so distanziert und kühl und ohne jedes Mitgefühl? Wie kann es sein, dass ich mich nicht interessiere für das Leid der Menschen in Afrika, Asien oder wo auch immer?

 

Vor einigen Tagen habe ich auf einer längeren Autofahrt im Radio die Berichterstattung über einen Zugunfall in Schottland verfolgt. Bei diesem Unglück sind drei Menschen ums Leben gekommen, sechs Menschen wurden verletzt. Zunächst kam eine "Eilmeldung", also die Unterbrechung des Programms für die Nachricht, dass bei einem schweren Zugunglück in Schottland mehrere Menschen zu Tode gekommen sind und viele zum Teil schwer verletzt wurden. Dann kam der Korrespondent aus London (!) zu Wort, der die Berichterstattung der englischen (!) Medien zu dem Vorfall zusammenfasste und die Spekulationen hinsichtlich der Unfallursache zusammentrug. Mich ließ das alles irgendwie völlig kalt. Ich hatte keinerlei Gefühl für die Situation, ich konnte mich nicht in das Leid der Menschen, den Schmerz der Angehörigen einfühlen. Schottland ist für mich zu weit weg. Schottland habe ich leider noch nie bereist, war nie dort, kenne keinen einzigen Schotten persönlich. Selbst die geschilderte Landschaft, in der nach heftigen Regenfällen Erdrutsche die Gleise verschüttet haben sollen und so zum Unfall beitrugen, konnte ich nicht vor meinem inneren Auge sehen. Ich habe dann versucht, Bilder von den Rettungsmaßnahmen entstehen zu lassen, weil im Radio mit viel Pathos von der schwer zugänglichen Unfallstelle und den Hubschraubern berichtet wurde, die versuchten, zu den Verletzten vorzudringen - ich vermute, der Korrespondent erzählte, was er im britischen Fernsehen sah.

Anstatt mitzuleiden mit den armen Menschen, anstatt Mitgefühl zu entwickeln für die von dieser schlimmen Situation betroffenen Menschen habe ich angefangen, mich zu ärgern.

 

Ich habe mich gefragt, warum in Deutschland über dieses Unglück berichtet werden muss.

Ich habe mich gefragt, welchen Nutzen ich als Hörer von diesen Nachrichten habe.

Ich habe mich gefragt, welchen Nutzen der Radiosender von diesen Nachrichten hat.

 

Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen in meiner Nähe leiden, ohne dass dies irgendwo eine Nachricht wert wäre, dann frage ich mich, warum meine Aufmerksamkeit auf das weit entfernte Leid von weit entfernten Menschen gelenkt werden sollte. Zwischen mir und diesem Unfall in Schottland sind sicherlich auch an diesem Tag so einige Unglücke geschehen. Hier ist jemand von der Leiter gefallen und bleibt nun querschnittsgelähmt. Dort ist ein Kind beim Grillen schwer verletzt worden und bleibt sein Leben lang entstellt. In meiner Heimatstadt ist vielleicht ein Obdachloser ertrunken und in unmittelbarer Nachbarschaft vielleicht eine alte Dame auf der Treppe gestürzt. So viel Leid. So viel Schmerz. So viele gute Gründe für Mitgefühl. Bringe ich für diese Menschen Mitgefühl auf? Nein, selbstverständlich nicht. Ich erfahre ja gar nichts von diesem Menschen.

 

Für die Menschen in Schottland kann ich nichts tun, rein gar nichts. Sicher, ich könnte mitleiden und mitfühlen. Ich könnte mir vorstellen, wie schwer das alles sein muss für die Verletzten und die Angehörigen und die Hinterbliebenen. Ich kann mir das alles aufbürden lassen. Ich kann mir das alles selbst aufbürden. Aber das würde doch wohl niemanden helfen. Nicht den Verletzten, nicht den Angehörigen, nicht den Hinterblieben. Wem würde es denn irgendetwas helfen, wenn ich mitleide?

 

Wenn über Hungerkatastrophen in der Welt berichtet wird, soll ich Geld spenden, um das Leid zu mildern.

Wenn über Flutkatastrophen in der Welt berichtet wird, soll ich Geld spenden, um das Leid zu mildern.

Wenn über Wirbelstürme in der Welt berichtet wird, soll ich Geld spenden, um das Leid zu mildern.

 

Wer das sinnvoll und angebracht findet, kann auf eine solche Weise vielleicht tatsächlich dazu betragen, das Leid auf der Welt abzumildern. Möglicherweise ist das eine gute Sache, Geld für die Menschen in aller Welt zu spenden, damit ihnen aus einer akuten Notlage oder eine andauernde Notlage geholfen werden kann.

 

Aber Geld nach Schottland schicken? Keine Option, aus verschiedenen Gründen. Also warum in die Ferne schweifen mit der Aufmerksamkeit? Warum nicht die Aufmerksamkeit auf das richten, was in unserer unmittelbaren Nähe geschieht? So viel Leid. So viel Schmerz. So viele gute Gründe für Mitgefühl. Und so viele gute Gründe für Engagement im direkten sozialen Umfeld. In der Familie. In der Nachbarschaft.

 

Hier hilft mein Mitgefühl tatsächlich dem Menschen, dem ich es zeige. Hier kann ich mit Zuhören helfen. Hier kann ich direkt Einfluss nehmen auf die Situation. Hier ist mein Mitgefühlt angebracht und vielleicht auch wirklich notwendig. Aber das ist natürlich eine Herausforderung. Wirklich etwas zu tun. Das kann anstrengend sein, schwierig, mühsam. Dennoch ist jedes noch so kleine Tun aus Mitgefühl in meinem direkten Umfeld eine wertvollere Handlung als das sinnlose Leiden mit den Menschen irgendwo in der weiten Welt. Hier kann ich mit kleinen Taten Freude machen, Leid abmildern, Schmerzen lindern. Einen kleinen Beitrag zur Wahrung der Würde eines Menschen leisten. Eine kleine finanzielle Unterstützung liefern. Oder einfach nur die Hand halten in einer schweren Zeit. Das ist meiner Meinung nach wichtiger als Tag ein, Tag aus mit dem Leid von Menschen in fernen Ländern konfrontiert zu werden und daraus virtuelles Mitgefühl abzuleiten.

 

Ungefähr 150 Sozialkontakte soll unser Gehirn maximal verwalten können. Es gibt Wissenschaftler, die glauben, dass durch die Vielzahl von Kontakten, die wir direkt und indirekt in unserer modernen Welt täglich haben, die Rücksichtnahme, die Empathiefähigkeit und die Hilfsbereitschaft leiden. Ich finde das plausibel. Ich kann tatsächlich nur eine begrenzte Zahl von Kontakten aufrechterhalten und nur wenige echte Freundschaften pflegen. Das ist einfach so, ich finde das nicht schlimm. Wenn man das erkennt und akzeptiert, ist das ein Trost. Und eine Erklärung für meine Kaltherzigkeit bei Nachrichten aus Schottland. Meine Empathie ist reserviert für meine Freunde, meine Familie, meine Klienten. Da ist nur selten noch Platz für Fremde. Und in diesen Fällen möchte ich helfen, unterstützen oder begleiten können. Tatsächlich im richtigen Leben. Nicht nur virtuell oder geheuchelt oder aufgesetzt. Das ist eine Frage von begrenzten Ressourcen.

 

Ich kann nicht die ganze Welt retten.

Ich kann nicht für alle Menschen sorgen.

Ich kann nicht mit allen Menschen mitleiden.

 

Deshalb möchte ich für die Menschen da sein, zu denen ich Kontakt habe. Die mein Mitgefühl spüren und meine Begleitung wirklich erfahren. Damit bewege ich genug, denke ich.

 

 

 

 

 

 

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