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Herr Tur Tur

Ein menschlicher Scheinriese wirkt, das wissen wir alle, aus der Ferne betrachtet riesig und bedrohlich wie ein richtiger Riese. Je näher man ihm kommt, umso kleiner wird er, kleiner und normaler. Er schrumpft während der Annäherung immer weiter auf ein normales Maß zurück und schließlich, wenn man direkt vor ihm steht, ist er ein Mensch wie du und ich. Auch seine scheinbare Bedrohlichkeit nimmt ab, wenn man den Mut aufbringt, sich ihm zu nähern. Am Ende steht man vor einem Menschen, der nicht mehr besonders groß ist und nicht mehr besonders bedrohlich ist. Im Gegenteil, solche Scheinriesen wie der Herr Tur Tur zum Beispiel sind ganz und gar nicht bedrohlich, er ist besonders empathisch, rücksichtsvoll und hilfsbereit, ein sehr netter Kerl.

 

Nun sind wohl nicht alle Scheinriesen so besonders freundlich wie Herr Tur Tur, es gibt auch weniger nette Erscheinungsformen, insbesondere unter anderen Arten sind unangenehme Zeitgenossen dabei. So sind beispielsweise unter den exotischen Scheinriesen-Schlangen ganz besonders giftige Exemplare, die von weitem sehr groß und deshalb bedrohlich wirken, aus der Nähe betrachtet aber ganz normal aussehen. Sie behalten dabei allerdings ihre Giftigkeit und sind auch nach der Annäherung sehr gefährlich. Bei den Insekten gibt es die Scheinriesen-Hornissen, die auch dann, wenn man ihnen sehr nah kommt, mit normaler Größe noch immer schmerzhafte Stiche austeilen. Oder denken Sie an die Scheinriesen der Hochfinanz, eben noch ganz große Player der Finanzwelt, dann plötzlich winzig klein - aber dennoch brandgefährlich und mit toxischer Wirkung für die, die involviert sind.

 

Es ist also durchaus verständlich, dass die Menschen sich auch den Scheinriesen mit einer gewissen Zurückhaltung annähern. Wenn wir nicht wissen, ob wir es mit einem Riesen oder mit welcher Art von einem  Scheinriesen wir es zu tun haben, neigen wir instinktiv zur Vorsicht, schließlich könnte es ein sehr bösartiger Scheinriese sein, ein nur mittelmäßig gefährlicher oder eben auch ein so gänzlich ungefährlicher wie der Herr Tur Tur. Ganz zu Beginn wissen wir einfach nicht, welche Gefahren uns drohen. Also ist unser Verhalten nicht grundlos auf umsichtiges Handeln ausgerichtet, wenn wir es mit Riesen oder mit Scheinriesen zu tun bekommen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste...

 

So sind wir als Gemeinschaft bei der Konfrontation mit einem Riesen oder Scheinriesen zunächst auf unseren Mut und unsere Erfahrungen, auf unsere Vorsicht und unsere Kenntnisse angewiesen. Am Anfang der Annäherung sind Spekulationen und Befürchtungen schnell zur Hand, es gibt die weniger Ängstlichen und die ganz Vorsichtigen, die Experten und die Schlaumeier, die Schwätzer und die besonders Mutigen. Wir sollten zu Beginn die entscheiden lassen, die am meisten Erfahrungen und Kenntnisse haben mit der Annäherung an derartige Phänomene, denn falls es sich um einen Riesen oder um einen gefährlichen oder sogar bösartigen Scheinriesen handeln sollte, wissen die mit der speziellen Expertise wohl am besten, was zu tun ist, um unsere Gemeinschaft zu schützen. Ich finde das vollkommen logisch und sehr vernünftig.

 

Mit jedem Schritt, den wir uns als Gemeinschaft dann dem Wesen nähern, werden unsere Erkenntnisse reichhaltiger, wird unser Wissen brauchbarer. Die Informationen über das Phänomen werden zahlreicher und genauer, unsere Experten werden nach einiger Zeit wissen, womit wir es zu tun haben. Jetzt kann unsere Gemeinschaft schrittweise überlegen, ob es noch die richtigen Experten sind, die richtigen Ansprechpartner für unsere Entscheidungen. Wenn dabei klar wird, dass es zwar kein besonders netter Scheinriese ist, aber eben auch kein gemeingefährlicher Riese, dann könnte die Gemeinschaft schrittweise weitergehen und immer noch vorsichtig überlegen, ob sie es mit einem besonders bösartigen Scheinriesen zu tun hat oder einem weniger bedrohlichem Phänomen. Wenn immer klarer wird, dass man es mit einem weniger bedrohlichen Scheinriesen zu tun hat und die Annäherung doch nicht ganz so extrem gefährlich ist, wie anfangs vermutet oder befürchtet, dann sollte das zu einer gewissen Entspannung führen und die Gemeinschaft aus ihrer totalen Alarmierungshaltung wenigstens teilweise befreien. Dann könnte die Gemeinschaft beginnen, die notwendigen Schritte zu erörtern um weiteren Schaden vermeiden und gegebenenfalls auch schon über die eigenen Fehler und Irrtümer der ersten Phase reden, um sich für die Zukunft besser zu wappnen.

 

Wenn trotz der ersten fundierten Erkenntnisse und zusätzlicher Informationen ausschließlich die Experten das Sagen behalten, die schon Anfangs eine führende Rolle innehatten und andere Fachleute nicht gehört werden, dann kann das die Wahrnehmung verzerren. Und wenn die Gemeinschaft nicht über die neuen Erkenntnisse und deren Bedeutung informiert wird, kann die Gemeinschaft nicht einschätzen, ob es noch die richtigen Experten sind, die die Entscheidenden maßgeblich beeinflussen. Wenn es gar keinen Grund mehr gäbe oder deutlich weniger Anlass für die anfänglich vollkommen gerechtfertigt erscheinende Alarmierung der gesamten Gemeinschaft und dennoch nur die Garde der Experten der ersten Annäherungsstunde die Deutungshoheit und das Sagen behielte, was würde das über die Gemeinschaft aussagen? Wenn die von Anfang an gefasste Meinung immer nur wiederholt wird. Wenn es bei dieser Meinung bleibt, auch wenn es gute Gründe gibt, sie infrage zu stellen. Wenn nicht diskutiert wird über verschiedene Möglichkeiten, über Sinn und Unsinn bestimmter Verhaltensweisen, über Alternativen zu der einen bestimmenden Expertenmeinung? Wenn die mittlerweile besser einzuschätzenden Gefahren geringer sind als befürchtet und dennoch die Experten der ersten Stunde sich weiter berufen fühlen, die Ängste immer wieder neu zu befeuern? Wie sollte dann die Gemeinschaft mitreden und mitentscheiden können. Wie sollte sie sich ernst genommen fühlen. Wie sollte sie sich sicher fühlen und Vertrauen haben in die Entscheidenden. Wie sollte sie akzeptieren, was entschieden wird und überzeugt mittragen, was entschieden wird. Wenn Vertrauen fehlt. Wenn es immer nur dieselben Erkenntnisse und Informationen sind, die wie in einer Monstranz präsentiert vor sich hergetragen werden, von immer denselben Experten. Wenn es keine anderen Interpretationen geben darf und verurteilt wird, wer abweicht von der einen "richtigen Linie" der Experten? Wenn lächerlich gemacht wird und verunglimpft, wer sich erlaubt, eine andere als die (vor-)herrschende Meinung zu vertreten.

 

Ich frage mich wirklich, wie man annehmen kann, dass der - zunächst vielleicht völlig zu Recht befürchtete - bösartige Riese, der sich mittlerweile vielleicht als Scheinriese erwiesen hat, dadurch am Leben erhalten werden kann, dass man diejenigen, die etwas anderes sehen als einen bösartigen Riesen ignoriert oder beschimpft oder lächerlich macht. Wie man den Eindruck aufrechterhalten will, man hätte es mit dem befürchteten bösartigen Riesen zu tun, obwohl die Gemeinschaft sich ja bereits so weit angenähert hat, das große Teile von ihr erhebliche Zweifel an der Existenz des Riesen haben und sehr gute Argumente gegen seine Existenz vorbringen. Ich kann nach wie vor nicht beurteilen, womit wir es zu tun haben und ich bin mir vollkommen im Klaren darüber, dass meine Wahrnehmungen nicht zutreffend sein müssen. Letztlich habe ich keine Ahnung, wie gefährlich der vermeintliche Riese ist oder ob es nur ein mittelmäßig böser Scheinriese ist, wie wir ihn schon oft angetroffen haben. Ich weiß es nicht, aber eines weiß ich ganz genau: Die Geschichte, die uns erzählt wird, kann nicht die ganze Wahrheit sein, die einzig wahre Wahrheit, die vollständige Geschichte. Wenn nicht diskutiert werden darf, wenn andere Meinungen nicht gehört werden, wenn Zweifel nicht zählen, wenn nicht argumentiert wird, sondern verächtlich gemacht, wenn nur die eine "richtige" Sichtweise transportiert wird und alle, die das infrage stellen, kalt gestellt werden, wenn verfälscht, verzerrt, verfremdet und weggelassen wird, dann weiß ich, was das zu bedeuten hat. Wenn sich häufig widersprochen wird und Kurswechsel ohne oder mit nur fadenscheinigen Begründungen erfolgen, dann weiß ich, was das zu bedeuten hat. Wenn Halbwahrheiten für die eigene Darstellung genutzt werden und über andere Sichtweisen gelogen wird, wenn bestimmte Informationen nicht erwähnt werden und andere ständig wiederholt, dann weiß ich, was das zu bedeuten hat.

 

Seit dieser Geschichte der drei einstürzenden Hochhäuser glaube ich nicht mehr, dass das, was in der Zeitung steht, die einzige Wahrheit sein muss. Dort haben meine Zweifel ihren Ursprung, dort manifestiert sich, dass die Geschichte, die uns erzählt wird, nicht immer die wahre Geschichte ist. Und wenn mir dieselben, die die Geschichte von den drei einstürzenden Hochhäusern aufrechterhalten wollen oder müssen, mir heute erzählen, dass es nur die eine Wahrheit über unseren Scheinriesen der Gegenwart gibt, dann hege ich erhebliche Zweifel. Dann erlaube ich mir, selbst zu denken. Dann erlaube ich mir, daran zu zweifeln. Punkt.

 

 

"Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen und das ganze Volk einen Teil der Zeit,

aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen."

 

Abraham Lincoln

16. Präsident der USA

Zitiert im Milwaukee Daily Journal, 29. Oktober 1886

Original: "You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time,

but you can not fool all of the people all of the time."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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