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Wer einmal lügt...

Wenn wir demjenigen, der uns einmal angelogen hat, nicht mehr glauben würden, nie mehr, dann würden wir wohl niemals mehr einem Menschen etwas glauben können. Aber die winzigen und kleinen Lügen des Alltags sind mit diesem Sprichwort wahrscheinlich nicht gemeint. Wenn wir Komplimente machen, die wir nicht ehrlich aussprechen oder wenn wir über den Grund unserer Verspätung nicht ganz die Wahrheit sagen, löst das in aller Regel wohl kaum ein zukünftiges Infragestellen aller unserer gesprochenen Worte aus.

 

Gemeint sind hier wohl eher bedeutende Angelegenheiten, die Vertrauensfragen. Vielleicht im Sinne von "Wer einmal in einer wichtigen Sache lügt, dem vertraut man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht."

 

Ich kann verzeihen, wenn man mich angelogen hat, meistens kann ich das verzeihen. Ich kann mich in Nachsicht üben, in liebevollem Verständnis. Wenn ich nachvollziehen kann, aus welchem Grund, aus welcher Notlage oder aus welcher Motivation die Lüge entstanden ist, dann kann ich verzeihen. Ich habe auch gelogen, ich weiß, dass es sich nicht gut anfühlt, dass es schwierig ist, ich weiß wie sehr die Lüge schmerzt beim Aussprechen. Deshalb kann ich meist verzeihen. Die Voraussetzung für diese Nachsicht, dieses Verständnis, dieses Verzeihen ist, dass die Lüge als solche erkannt, benannt, ausgesprochen wird. Nichts ist für die eigene Verfassung heilsamer als sich von einer Lüge zu trennen, sie aufzugeben. Nichts kann mehr Entwicklungsspielraum schaffen als das Erkennen und Benennen einer Lüge. Wenn ich meine Lüge erkennen und benennen kann, wenn ich zu ihr stehen kann als ein Produkt meiner selbst, dann tut das unglaublich gut. Es setzt heilsame Kräfte frei und befreit mein Inneres von der Last der Lüge. Wenn ich mich zu einer Lüge bekenne, kann ich mich trennen von ihr und ihren dysfunktionalen Notwendigkeiten. Ich muss mich nicht mehr selbst belügen oder betrügen, um mit der Lüge leben zu können. Ich muss dann nicht mehr verdrängen, abspalten, ertragen oder projizieren. Es befreit, eine Lüge zuzugeben. Weil ich das aus eigener Anschauung kenne, kann ich verzeihen, wenn ich belogen wurde. Ich kann verzeihen, weil ich nachvollziehen kann, wie schmerzhaft eine Lüge ist, wie zerstörerisch ihre Kraft wütet und wie wohltuend es ist, sich die Lüge einzugestehen. Sich damit ihrer Macht über mich zu entledigen.

 

Es braucht diese Prozesse, um das Verzeihen zu ermöglichen. Ich kann nur dann mir selbst mit Nachsicht, liebevollem Verständnis und Verzeihung begegnen, wenn ich die eigene Lüge erkenne und benenne und das vernehmlich ausspreche. Das gilt auch für andere Menschen, wenn sie ihre Lüge eingestehen und sich ehrlich bekennen zu ihrer Lüge, dann kann ich nicht mehr anders als zu verzeihen. Wenn das nicht geschieht, ist es sehr schwer, wenn nicht unmöglich, mit Nachsicht, mit Verständnis zu reagieren auf eine Lüge und schon gar nicht mit Verzeihung. Denn die selbstreinigenden, heilsamen Prozesse brauchen ja die Erkenntnis und das Benennen und das Aussprechen. Der Lügende selbst löst diese Prozesse in sich aus, von außen kann ich das nur wahrnehmen, begleiten, beobachten. Wir können diese Prozesse nicht in anderen Menschen auslösen, vielleicht können wir bestenfalls zu ihrer Entstehung beitragen. Auslösen und durcharbeiten muss das wohl jeder für sich, in sich, mit sich. Nicht unbedingt allein schon gar nicht einsam. Aber für sich, in sich, mit sich. Das ermöglicht das Verzeihen auch großer Lügen.

 

Wer seine Lüge nicht erkennt, benennt und ausspricht, dem kann ich nicht vertrauen. Das gilt selbstverständlich nicht für unschuldige Opfer einer Lüge, die nur übernommen wird oder geglaubt. Kinder, die lügen müssen, weil sie das Opfer einer großen Lüge ihrer Familie sind, brauchen selbstverständlich dennoch das Vertrauen in ihre Person, weil sie möglicherweise nicht in der Lage sind, die Lüge zu erkennen oder weil sie als Kind vollkommen abhängig von der lügenden Familie sind. Wer als nur passiver Mitläufer eine Lüge nicht erkennt, benennt und ausspricht, der ist hier nicht gemeint. Ich spreche von erwachsenen Menschen, die sich selbst für gesund halten, die in der Lage sind, Wahrheit und Lüge auseinander zu halten. Von uns allen, wenn wir in unseren kleinen sozialen Einheiten Verantwortung übernehmen für Wahrheit und Vertrauen in dem wir beispielsweise Meinung und Verhalten der anderen Menschen beeinflussen oder gesellschaftliche Strukturen in Familie, Firma, Verein oder Nachbarschaft mitgestalten wollen.

 

Aber insbesondere spreche ich von erwachsenen Menschen, die sich selbst für gesund halten und beruflich mit Wahrheit und Vertrauen zu tun haben sollten, die beruflich Verantwortung tragen für Wahrheit und Vertrauen in unserem Staat. Beispielsweise Geistliche, Politiker, Journalisten, Richter, Lehrer, hohe Regierungsbeamte, Professoren, Unternehmer, Ärzte. Auch Philosophen, Autoren, Künstler und Prominente, sofern sie sich selbst berufen fühlen, Verantwortung zu übernehmen für Wahrheit und Vertrauen in der Öffentlichkeit.

 

Hier sehe ich das Sprichwort ansetzen: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Gegenwärtig werden so viele Lügen aufgetischt wie selten zuvor. Sicherlich auch und gerade durch das Internet, aber auch auf anderen Wegen, werden mit enormer Geschwindigkeit Informationen geschöpft oder geschaffen, weitergeleitet und konsumiert. Gepostet, getwittert, geteilt und geliked. News und Fake News im Sekundentakt, schnell, schnell - klicks sind alles noch, was zählt. Es wird geframt und bewertet, es wird genudgt und verurteilt. Jede noch so dämliche Lüge wird verbreitet, keine Halbwahrheit ist blöd genug, als das sie nicht noch von irgendwem instrumentalisiert würde. Alles wird selektiert und kommentiert, eingeschätzt und eingeordnet. Was haben wir zu denken, was müssen wir tun, was ist gut, was ist schlecht, wie soll ich fühlen, was habe ich zu verantworten, woran bin ich schuld? Was darf ich noch, was darf ich nicht, wer hat recht, wem soll ich folgen, wen muss ich ablehnen? Was ist Hetze, was ist hatespeech, was ist freie Meinungsäußerung, was ist Pressefreiheit, aus welchen Worten werden Taten, wer gefährdet die Demokratie? Vorgekaut und vorverdaut, gefärbt, verdreht, weggelassen, photogeshoppt, glattgezogen und aufpoliert kommen sie daher, die Lügen, Lügen, Lügen.

 

Ich höre das und mir wird speiübel.

Ich lese das und möchte weinen.

Ich sehe all das und es ekelt mich, es widert mich an.

Sie lügen, dass sich die Balken biegen und wollen mir erzählen von der Wahrheit.

Sie belügen sich selbst und erzählen mir von den Lügen der anderen.

Sie machen sich selbst etwas vor und erwarten, dass ich nur ihnen glaube.

Sie verlangen von mir, dass ich auf ihren Leim gehe, ich soll ihnen folgen auf ihren Wegen.

Sonst gehöre ich nicht dazu, sonst bin ich unmoralisch, falsch und böse.

 

Sie haben mich belogen und sie erkennen ihre Lüge nicht, sie benennen nicht und sie sprechen es nicht aus. Im Gegenteil, sie lügen weiter, sie belügen mich weiter, setzen jeden Tag noch einen d´rauf.

Deshalb kann ich ihnen nicht verzeihen, nicht vertrauen. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.

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